2015_Einführung in die Arbeit mit komplex traumatisierten und dissoziativen Menschen

Frühe Stresserfahrung verändert die Stress-Reaktions-Systeme von Grund auf. Abhängig von Timing, Art und Dauer der Schädigung (z. B. Bindungsabbrüche und -verluste, Vernachlässigung, Verwahrlosung, Gewalt) verändert sich schon die "Hardware" (z. B. das Gehirn) in seiner Entwicklung deutlich, geschweige denn die "Software", also die Gedankenwelt, der Persönlichkeitsaufbau, die Vorstellungen von Selbst und Identität. Immer mehr früh und stark Stress-Geschädigte kommen in Beratungsstellen und psychotherapeutische Einrichtungen; schon heute besteht ein gutes Drittel der Klientel aus früher so genannten "klassischen PsychiatriepatientInnen". Was bedeutet das für unsere Arbeit?

 

Psychotherapie wurde ja zunächst für "Neurotiker" entwickelt; was tun, wenn die Struktur der Persönlichkeit das neurotische Niveau nie erreicht hat? Wenn es gar kein verhältnismäßig kohärentes Selbst gibt, sondern zahlreiche unterschiedliche Zustände, wenn also "Ich Viele ist"? Wenn das Alltags-Ich eines früh traumatisierten Menschen keine Kontrolle hat über stark affektiv geladene States? Wenn die Regulation nicht "Top-down" möglich ist, sondern "Bottom-up" funktioniert, also jeder einschließende Gefühls- und Körperzustand die "passenden" Gedanken erzwingt, statt dass der Mensch seine Gefühle steuern könnte? Offenbar gilt es, psychotherapeutische Strategien wie die Arbeit "auf der inneren Bühne" mit Ego-States und eine Arbeiten mit (Sucht-)Rückfällen und plötzlichen Stimmungsumschwüngen ebenso wie die intensiveren Übertragungs- und Gegenübertragungs-Dynamiken besonders zu beachten.

 

Und weshalb könnte eine so simple Einladung zur Mentalisierung wie "Wie finden Sie das?" für viele Betroffene eine besondere Herausforderung darstellen, ihre Beantwortung gar eine Veränderung der Lebensperspektive ermöglichen? Dank der Neuroplastizität, und das ist die gute Nachricht, gelingt es vielen chronisch Stressgeschädigten bei adäquater (psychotherapeutischer) Arbeit und Lebensführung - etwa "ein mittleres Stress-Niveau halten!" - durchaus, sich aus abhängigen Beziehungen zu befreien und sichere Bindungen zu ihren Kindern und PartnerInnen aufzubauen - vielleicht sogar, Neurotiker "wie Du und ich" zu werden.

 

Referentin:  Michaela Huber

(Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation)

Diplom-Psychologin, approbierte Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin, Ausbilderin in Traumabehandlung, Mitbegründerin des Zentrums für Psychotraumatologie Kassel e. V.